Eine Motorrad Tour in Madagaskar


  • September 24, 2017
  • claude
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Antananarivo – Ostküste;

Eine Motorrad tour auf Madagaskar

Motorrad Touren auf Madagaskar, ein Blogbeitrag von Georg Jaster

Autor von Vaovao

Ich hatte das Glück, von 2013 bis 2016 drei Jahre aus beruflichen Gründen auf Madagaskar zu leben. Aus alter Leidenschaft und auch, weil es einfach praktisch ist, bewegte ich mich in den Jahren auf Madagaskar überwiegend per Motorrad. Einige Male unternahm ich mit Freunden kleinere oder größere Touren. So auch im April 2016.
An einem Freitagmorgen starteten wir mit etwa 20 Motorrädern von Antananarivo (Tana) in Richtung Ostküste. Der Badeort Ambila-Lemaitso sollte unser Ziel sein. Es waren hin und zurück etwa 600 km zurück zu legen. Madagaskar ist ein Traumland für Motorradfahrer. Schmale, kurvige, wenig befahrene Landstraßen schwingen sich durch spektakuläre Landschaften. Man fährt durch ausgedehnte Reisfelder, rollt durch verschlafene kleine Städtchen und durchquert duftende tropische Wälder. Und ganz wichtig: Das Wetter ist immer schön. Es scheint immer die Sonne.
Nun ja, fast immer. Also eigentlich immer, bis auf – ja bis auf jenen Freitag. Der Tag begann in Tana mit leichtem, harmlosem Nieselregen. Anders, als z.B. in meinem heimatlichen Rheinland, der dauert in Madagaskar zum Glück nie lange. Auch am Freitag war der Nieselregen schnell vorbei. Er wurde nämlich stärker. Deutlich stärker. Danach noch stärker und später, als wir gegen Ende des Tages noch ein etwa 25 km langes Stück Schlamm- und Sandpiste unter die Räder zu nehmen hatten, waren es Sturzbäche. Doch dazu komme ich noch.
Heiter und ausgelassen fuhren wir los. Nach etwa einer Stunde hatten wir die Staus, den Smog und das Chaos der Hauptstadt Madagaskars hinter uns gelassen. Vor uns lag nun das gewundene, graue Asphaltband der Route Nationale 2 nach Toamasina/Tamatave. Der Tross der Motorräder zog sich schnell auseinander. Manche von uns, begierig sich mit Schwung und Lust in die Kurven zu legen, eilten vorneweg, andere ließen es gemütlicher angehen. Der Regen war kaum der Rede wert. Die Regenkombis blieben im Gepäckwagen.
Die Mittagspause machten wir im „Las Vegas“ pardon: „Lasy Ve? Gasy“, eine Art Trucker-Kneipe à la Malagasy von ausgesuchter Schäbigkeit. Mein Lebensgefährtin, die sich während unserer Jahre auf Madagaskar beeindruckende Sprachkenntnisse angeeignet hatte, interpretierte das Wortspiel in etwa so: „Willst du hier dein madagassisches Lager aufschlagen?“
Wie es sich für beinharte Biker auf der ganzen Welt gehört, gab es Bier und Grillfleisch. Zebu-Spieße waren unser Gemüse. Während wir pausierten nahm der Regen zu. Die Straße wurde nun richtig nass. Waren wir beunruhigt? Ach was. Gleich würde ja der Gepäckwagen mit den Regenklamotten kommen.
Ein Handy klingelte. Sorgenfalten bildeten sich auf der Stirn von Irina, der Organisatorin der ganzen Ausfahrt. Houston, bzw. Lasy Ve? Gasy hatte ein Problem! Unser Gepäckwagen hatte sich überschlagen und lag im Straßengraben. Der Fahrer war zum Glück unversehrt, aber es musste nun ein Ersatzwagen Auto aus Tana losfahren, das havarierte Auto, den Fahrer und unsere Sachen aufsammeln. Das würde dauern. Also weiter ohne Regenzeug.
Der Regen war warm und wenn es so richtig regnet, dann ist die Straße auch gar nicht mehr so rutschig. Ist der Schmierfilm aus Dreck, Staub und Wasser erst einmal abgewaschen, geht es wieder. Es fuhr sich gut. Der Regen fiel, die Gicht spritzte. Das Leben war schön. So rollten wir bis Brickaville, wo wir die asphaltierte RN 2 verlassen sollten.
Als ich zum Tankstopp abstieg, merkte ich, dass ich etwa 10 Kilo zugenommen hatte. Meine Jacke, meine Hose, meine Schuhe, alles war mit Wasser gesättigt und bleischwer geworden. Ich war in meinem Leben noch nie so nass gewesen. Es machte bei jedem Schritt „Quaatsch“, alles klebte am Leib. Wir, also etwa 25 bis auf die Leibwäsche durchnässte Biker, beschlossen, uns ein wenig zu stärken und betraten den kleinen Schankraum eines Bistrots am Straßenrand. Die einsame Wirtin wurde bei unserem Anblick blass vor Schreck und Sorge, denn wo immer einer von uns stehen blieb oder saß, bildeten sich sofort Pfützen und kleine Teiche. Wir würden ihre Stühle, ihren Fußboden und ihre Tische vollständig ruinieren. Wir konnten ihr die Sorge nicht nehmen, denn sie war berechtigt. Wir quaatschten und tropften alles voll, dankten ihr nach dem Imbiss mit einer ordentliche Zeche
und einem fürstlichen Trinkgeld für ihre tapfere Gastfreundschaft. Danach verließen wir nass, aber gestärkt das Lokal, während sich die Wirtin den nun anstehenden Renovierungsarbeiten zuwandte.
Wir hatten es fast geschafft, dachten wir. Es fehlten nur noch etwa 25 Kilometer bis zu unserem Ziel. Allerdings mit der Nuance, dass diese 25 Kilometer nun nicht mehr auf Asphalt, sondern auf Piste zurückzulegen waren. Das Grauen begann. Die Piste war tief zerfurcht und ausgefahren. Sie war mit Mühe mit einem guten Geländewagen zu meistern. Wir nahmen sie mit gewöhnlichen Straßen-Motorrädern in Angriff.
Die Piste bestand zunächst aus der für Madagaskar typischen roten Laterit-Erde. Durch schmale Zebu-Karren-Räder und durch Erosionsrinnen war sie links und rechts tief ausgefahren und wehe man geriet mit dem Vorderrad in solch eine Furche. Der heftige Regen hatte die Piste in eine schlammig-glitschige Rutschbahn verwandelt. Erinnert sich einer von euch an die Fernseh-Show „Spiele ohne Grenzen“ aus den 70ern? Der immer gleiche Witz bei den Spielen in dieser Show bestand darin, dass die Kandidaten irgendeinen überdimensionalen, albernen Gegenstand über einen glitschigen, mit Schmierseife bearbeiteten Parcours bringen mussten. Während die Kandidaten sich unter lustigsten Verrenkungen abmühten, wurden sie zur weiteren Erschwernis von der gegnerischen Mannschaft mit Wasserwerfern beschossen. Als Kind liebte ich diese Show. Nun war ich mitten drin: Ich musste mich auf einem hierfür vollkommen ungeeigneten Motorrad durch rutschigen Matsch wühlen, durch tiefe Pfützen pflügen und über spiegelglatte Bodenwellen schliddern. Irgendwann, wir kamen dem Meer näher, wechselte der Untergrund. Der rote Matsch wich nun durchweichtem Sand. Die Sache wurde dadurch nicht besser. Der Vorteil von beidem, also von Matsch und Sand, war, dass diejenigen, die stürzten, weich fielen. Niemand verletzte sich, aber als wir endlich an der kleinen Fähre am Canal des Pangalanes ankamen, sahen die meisten von uns aus wie die Schweine.
Dennoch: Die Stimmung war ausgezeichnet. Die Frage, die wir uns stellten war: Würde der Ersatz-Gepäckwagen mit unseren trockenen Sachen noch kommen, oder nicht? Spät, sehr spät am Abend kam er dann.
Der nächste Tag war unser Ruhetag am Meer, zwischen Indischem Ozean und Pangalanes-Kanal. Es ist ein herrliches Fleckchen Erde. Das Wetter war traumhaft. Wir badeten, gingen spazieren, erholten uns. Einige der Teilnehmer amüsierten sich mit einer vom Veranstalter mitgebrachten Cross-Maschine. Ich machte ein paar Fotos.
Außer uns gab es weit und breit nur diesen einzigen Badegast am Strand. Er fühlte sich nicht belästigt.
Abends, als die Sonne über dem Pangalanes-Kanal unterging, ergaben sich Postkarten-Motive.
Die Pirogge hatte es mir besonders angetan. Nach einer weiteren Übernachtung am Meer nahmen wir am Sonntag wieder die kleine Fähre.
Und machten aus auf den Rückweg nach Tana. Es regnete wieder. Klar. Aber diesmal hatten wir Übung und unsere Regensachen am Mann. Es war ein herrlicher Ausflug. Madagaskar ist ein traumhaftes Land für Motorrad-Touren. Besonders das an der Ostküste allzeit schöne Wetter ist zu loben.

Antananarivo, den 17.04.2016
Georg Jaster